VOGELABWEHR:
I. Allgemeines.
II. Netz u. Fäden.
III. Vogelscheuche.
IV. Schreckband u. blinkende Abwehrmittel.
V. Handbetriebenes Klappergerät u. Peitsche.
VI. Windrad.
VII. Handfeuerwaffe.
VIII. Munition, Knallkörper u. Schreckschussapparat.
IX. Sonstige Maßnahmen.
I. Allgemeines: Vor der LESE müssen die Weinberge vor Tieren geschützt werden, die mit Vorliebe die reifen Früchte (TRAUBE) fressen. Dies sind vor allem Vögel, aber auch Säugetiere, wie z.B. der Fuchs od. der Dachs (SCHÄDLING). Zur Vogelabwehr, spez. zur Abwehr v. Staren (Starabwehr, Starenhut, Stärleinschrecken), die i.d.R. in gr. Schwärmen einfallen u. den ganzen WEINBERG verwüsten, wurden lärmerzeugende Geräte u. Mittel eingesetzt; auch im Wind flatternde od. blinkende Gegenstände sollten die Vögel verjagen (verscheuchen, verschrecken). Ein sicherer Schutz ist jedoch das Bedecken der Rebstöcke bzw. des ges. Weinbergs mit Netzen. Dagegen führen Vogelattrappen u. Vogelscheuchen, aufgehängte Blechdosen u. dgl. nicht immer zum gewünschten Erfolg, sodass ein Abschuss der Vögel (Vögelschießen) unvermeidbar war. Weit verbr. waren früher auch handbetriebene Klappergeräte, Peitschen u. Windräder. Eine zuverlässige Abwehr wird vor allem durch eine organisierte Abwehr, die sog. WEINBERGSHUT, erreicht. Hierzu muss aber die betr. Gemarkg. während des ganzen Tags v. einer ausreichenden Zahl v. Weinbergshütern begangen werden, die mit Handfeuerwaffen u. pyrotechnischen Mitteln die Vögel vertreiben. Oft wird ihre Arbeit v. automatisch betriebenen Schussapparaten unterstützt. Mancherorts nahm aber auch eine spez. Pers. (Vogeltschös) od. der Winzer selbst die Vertreibg. der Vögel in die Hand.- II. Netz u. Fäden: Zum Schutz der reifen Trauben werden Vogelschnutznetze (Filet, Netz), meist aus Nylon (Nylondecke, Nylonnetz) über die Reben ausgebreitet (decken, eindecken, einnetzen, einspinnen, einzäunen, schütteln, spannen, überspannen). In RUMÄNIEN u. SCHLESIEN wurden Fäden (Bindfaden, Faden, Schnur) im Weinberg gespannt (anbinden, ziehen).- III. Vogelscheuche: Früher stellte man häufig menschenähnl., aus Stroh gefertigte Vogelscheuchen - wie sie auch aus der Landwirtschaft (Türkenzoche) bekannt sind - zur Vogelabwehr im Weinberg auf (Bok, Bokert, Boz, Bozen, Butz, Butzen I (Scheuche), Butzeleinmann, Butzelmann, Butzenmann, Butzenmäckeler, Butzenmummel, Butzibök, Butzimummel, Gescheuche, Gescheucheta, Hampelsmann, Hanfbutz, Manjosch, Männchen, -ken, Männlein, Männe-, Manöckel, Puppe, Scheuche, Spatzenschrecker, Starenscheuche, Starenschrecke, Stärleinscheuche, Stärleinschrick, Strohmann, Strohmännchen, Strohmännelein, Toter-Mann, toter Mann, Toter-Männlein, Tschuha, Tschutschel, Türkenzoche, Vogelbozen, Vogelscheuche, Vögel-, Vogelschreck, Vögelschrecker).- IV. Schreckband u. blinkende Abwehrmittel: Im Wind flatternde Schreckbänder sollen durch ihr Geräusch bzw. Blinken ebenfalls die Vögel vertreiben. Sie sind aus Papier (Papiermasche), Silberfolie (Silberband) od. Kunststoff (Plastikbändlein, Plastikbändel) hergestellt u. werden v. den Winzern auch Band I (Material), Bande, Bändlein, Bände-, Bändel II (Dim.), Fähnlein, Flätterlein, Mäschelein od. Ruban genannt. Vereinz. verwendet wurden auch Spiegel, Spiegelabfälle u. blinkende Abwehrmittel (Blinker, Blinkerlein, Glitter).- V. Handbetriebenes Klappergerät u. Peitsche: Häufig zum Einsatz kamen früher handbetriebene Klappergeräte aus Holz (Holzklapper, -kläpper), ähnl. gefertigt od. oftmals id. mit der Raspel, die auch in den Kartagen vor Ostern benutzt wurde. Sie wird Klapper, Klappere, Kirre, Ratsche, Rätsche od. Weingartsrätsche genannt. Auch der Knall einer Peitsche (Bollerpeitsche, Geißel, Knallpeitsche, Schnurpeitsche) sollte die Vögel vertreiben. Eine kl. Schnur am Ende der Hüterpeitsche (Krachschnur, Schmicke) erzeugte hierbei den notwendigen Lärm.- VI. Windrad: Die im Weinberg aufgestellten Windräder, die durch Klappern die Vögel vertreiben, heißen je nach Region Klapper, Klappere, Klappermühle, Klapotetz, Mühle, Propeller, Ratsche, Rätsche, Starenjager, -jäger, Starenschreck, Windhaspel, Windklapper, Windmühle, Windrad, Windrädchen, Windrädlein od. Windratsche, -rätsche. In Kitzeck (STEIERMARK) wurde das Windrad am Jakobstag aufgestellt. Der Tag, an dem es sich zum 1. Mal drehte, hieß "erster Herbsttag". Früher gab es in Elfingen (AARGAU) das Windrad (Vogelklappere) noch nicht. Man stellte selbst aus einer alten Sense ein Lärmgerät her. Hieran angebrachte Schindeln hämmerten beim Sich-Drehen 2-3 Mal auf die Sense. Zum Aufbau u. zu den Einzelteilen eines klopotec (Klapotetz) s. Kretzenbacher 1975, 29ff., Abb.- VII. Handfeuerwaffe: Um Vögel zu vertreiben, führte der Weinbergshüter oft eine Handfeuerwaffe (Waffe) mit sich, mit der er Schreckschüsse (Luftschuss) abfeuerte. Vielerorts diente sie auch als sein Erkennungszeichen. Auch Winzer u. and. Pers. benutzten zur Vogelabwehr solche Waffen (Büchse, Flinte, Gewehr, Jagdbüchse, Jagdflinte, Jagdgewehr, Jägerflinte, Kurzpistole, Pistole, Pistöllein, Pistöle-, Puffert, Pulverpistole, Raketenpistole, Revolver, Sackpuffer, Schießgewehr, Schießgewehrlein, Schreckschuss, Schreckschusspistole, Schrotgewehr, Schrotflinte, Schrotpistole, Schwarzpulverpistole, Schusspistole, Schreckpistole, Starengewehrlein, Starenpistole, Starenschreck, Terzerol, Traubenhüterpistole, Vorderlader, Vorderladerkavalleriepistole, Vorderladerpistole, Vorderladerpuffer, Weingartspistole). Meist wurden die Vögel nur durch Schüsse (Luftschuss, Schreckschuss) in die Luft vertrieben (dareinschießen, hereinschießen, jagen, knallen, schießen, schrecken, verjagen, verscheuchen, verschrecken), seltener, z.B. in Mörbisch a. See (BURGENLAND), abgeschossen.- VIII. Munition, Knallkörper u. Schreckschussapparat: Verschiedenartige Knallkörper u. Munition wurden v. den GWP angeführt: Hülse, Hülsche, Karbid, Platzpatrone, Musketpulver, Pulverpatrone, Rakete, Schrot, Schwarzpulver. In jüngerer Zeit wurden v. den Winzern häufig auch schon Schussapparate eingesetzt, die - meist mit Karbid (Karbidkanone, Karbidkanönlein, Karbidschussapparat) od. Gas (Propangasschießapparat) betrieben - in best. Abständen Schüsse abgaben, um die Vögel zu vertreiben (Abschreckkanone, Abwehrkanone, Apparat, Bazooka, Böllerkanone, Kanone, Kanönlein, Knallapparat, Maschine, Mörser, Schreckapparat, Schreckschussapparat, Schussapparat, Schussapparätlein, Schussvorrichtung, Starenkanone, Weingartskanone). Automatisch arbeitende Schreckschussapparate sind auch heute noch, in mod. Ausführg., ein beliebtes Mittel zur Vogelabwehr, werden aber, um unnötige Lärmbelästigg. zu vermeiden, eher kontrolliert eingesetzt. So bewachen z.B. in RHEINHESSEN 3 Weinbergshüter die Weinberge. Wird in einem best. Bereich ein Vogelschwarm gesichtet, wird über Verständigg. per Funk der in diesem Teil befindl. Schussapparat in Gang gesetzt.- IX. Sonstige Maßnahmen: Nicht nur durch Schüsse u. Knallen mit der Peitsche (s.o.), sondern auch durch sonstige Lärmerzeugg., z.B. durch Schreien (schreien), In-die-Händeklatschen, Huhu-Rufe u. dgl., versuchte man die traubenfressenden Schädlinge abzuwehren (kläpfen, klappern, kläppern, platschen, plätschen, rappeln I (klappern), ratschen, rätschen). In Karden (MOSEL) wurden früher Zweige v. Schlehdorn in den ersten 4-5 Zeilen zw. die Reben gesteckt, um die Vögel abzuhalten. Diese Maßnahme war wenig wirksam, ähnl. wie das Aufhängen v. Dosen, Steinen, Blechdeckeln, Kochtöpfen, Lappen u. dgl. Einer spez. Vorrichtg., dem Sturz bzw. Geschirrsturz, bediente man sich in Apetlon (BURGENLAND), um das Geschirr (z.B. Blechdeckel) zu befestigen, das durch Lärmerzeugg. die Vögel abschrecken sollte. In Winzerhausen (WÜRTTEMBERG) brachte man eine Fahne, Fahnen, Binden od. alte Kleider u. in Weisenbach (BADEN) alte Vorhänge (Vorhang, Für-) an. In Fürfeld (RHEINHESSEN) hängte sich der Weinbergshüter auch 3 od. 4 gr. Pfannen (Pfanne) um, auf die er klopfte, um die Vögel zu verscheuchen. Schläge auf das sog. Anschlagbrett aus dem Holz der Vogelkirsche sollten aufgrund der ihm nachgesagten Ultraschallschwingungen in Kitzeck (STEIERMARK) ebenfalls die Vögel abwehren. In Heppenheim (HESS. BERGSTRASSE) hing man entweder Blut aus dem Schlachthaus in Flaschen u. Dosen auf, das durch den Geruch die Vögel vertreiben sollte, od. einen lebendigen Star od. Spatz, der durch seine Angstschreie die and. Vögel abhalten sollte. In Reichesdorf (RUMÄNIEN) versprach man sich Erfolg v. Köpfen geschlachteter Schafe (Schafkopf, Schafs-), die an einen Pfahl gebunden wurden; zu demselben Zweck hängte man an der NAHE zeitweise Salzheringe auf. Sonnenblumensamen wurden in Câlnic/Kelling in die Rebgassen (WEINBERGSTEIL) gesät, damit die Vögel diese u. nicht die Trauben fressen sollten. In Cardano/Kardaun (SÜDTIROL) wurden die Weinberge zur Vogelabwehr mit Molke gespritzt (spritzen). In Fels a. Wagram (NIEDERÖSTERREICH) wurde eine Vogelscheuche (Stärleinschrick) aufgestellt od. die 1. Zeile (Ortzeile) ein wenig mit (Lösch)kalk gespritzt, da v. hier aus die Stare anflogen. In Apetlon (BURGENLAND) setzte man Flugzeuge (Flieger) ein. In Ramsthal (FRANKEN) wurde beim Stützpfahl das untere Ende viereckig (vierecket) angespitzt, das obere dagegen sehr spitz gestaltet, damit sich die Vögel nicht darauf setzten konnten.- s.a. Nylonfaden (Rochaix u.a. 1977, 78f., Abb.).-Lit.: Claus 1985, Kap. 2; Hillebrand W. u.a. 1998a, Kap. 6.1.4; Kretzenbacher 1975; Mohr 2005, 208f., Abb.; Schumann 1998, 246; Vajkai 1950, 145, planche VI, Fig. 1.- M.B.









Vogelratsche
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